Eine Geburtshilfe, die ihren Namen verdient hat

 

Mit diesem Beitrag über eine glücklichen Geburt - und zu einem späteren Zeitpunkt über eine Geburt mit medizinischen Interventionen (hier klicken, um diesen Beitrag zu lesen) - möchte ich einen Artikel von Spiegel Online vom 16.2.18 aufgreifen und die Bedeutung dieser Nachricht vertiefen. Der Artikel lautete „Weltgesundheitsorganisation – Geburten sollen nicht unnötig beschleunigt werden“. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert den Trend zu immer mehr medizinischen Interventionen während der Geburt.

 

Im Folgenden beschreibe ich daher zunächst eine natürliche Geburt in einem Universitätsklinikum, wie sie auch an jedem anderen Ort möglich ist, den Sie wählen möchten - wie ein Geburtshaus oder eine Hausgeburt.  

 

Eine Frau wünscht sich ein Kind und endlich hat sich ihr Wunsch erfüllt  –  obwohl nur einer ihrer Eierstöcke arbeitet. Ihre Schwangerschaft verläuft angenehm. Zum Zeitpunkt des errechneten Termins hat das Ungeborene beschlossen, den Eintritt in die Welt zu wagen. Deshalb gibt es seinen Nebennieren einen Impuls, Hormone auszuschütten, woraufhin die Mutter mit dem Ausschütten des Wehen anregenden Hormons – Oxytocin - antwortet. Es ist eine wortlose Übereinstimmung.

 

Es ist Nacht. Im Kreißsaal brennt gedämpftes Licht, der Raum ist warm und die Schwangeren wird herzlich aufgenommen. Alles, was die Schwangere braucht, ist vorhanden. Die Wehen kommen rhythmisch. In längeren Abständen. Die Hebamme und eine Hebammenschülerin betreten nur ab und zu auf leisen Sohlen den Kreißsaal, lassen die Gebärende gewähren.  Sie prüfen nur durch das Auflegen der Hände auf den Bauch, ob der Kopf des Ungeborenen mit den Maßen des mütterlichen Beckens übereinstimmt und lauschen mit einem Hörrohr (Pinard`sches Hörrohr) nach den Herztönen des Ungeborenen. Sie geben Trost, Aufmunterung und Sicherheit. Die erfahrene Hebamme beruhigt die Gebärende und gibt ihr zu verstehen, dass mit den Herztönen alles in Ordnung ist. Die Wahrnehmung der Herztöne über ein hölzernes Stethoskop ist keine mechanische Angelegenheit, sondern reicht verbunden mit der Intuition der Hebamme weit tiefer, auch, da es im Kreißsaal ruhig ist. Ein Arzt ist nicht zu sehen.

 

Die Schwangere hatte sich gewünscht, dass ihre Freundin, Mutter und Schwester durch ihre Anwesenheit für eine geborgene Familienatmosphäre sorgen. Alle drei befinden sich nicht in einer Beobachterposition, sondern sitzen ruhig abseits und trotzdem wachsam, um gegebenenfalls Wünsche zu erfüllen, die die Gebärende äußert.  Die Wehen kommen nun in kürzeren Abständen. Die Endorphine (morphinähnliche Substanzen = natürliche Schmerzmittel), die während der Wehen ausgeschüttet werden, lassen die Gebärende nach und nach von der Realwelt wegrücken und gleichzeitig die Schmerzen besser ertragen. Alle Hormone, die während der Geburt ausgeschüttet werden, bewirken bei der Kreisenden eine Veränderung ihres Bewusstseins. Sie gerät in einen tranceartigen Zustand, an dem der archaische Teil des Gehirns mitwirkt.  Im Trancezustand befindet sich die Gebärende im Alpha oder Theta-Wellen Bereich. Das Baby befindet sich während des gesamten Geburtsprozesses in dem Zustand der Theta Wellen. (Siehe in meinem Buch „Natürlich schwanger werden S. 205). Zusätzlich bewirkten die Hormone Oxytocin und Prolactin - beide dienen auch der Anregung des Milcheinschusses - der Vorbereitung der Gebärenden auf die Liebe und Bindung zum Ungeborenen. 

 

Der Gebärraum ist warm, sodass die Gebärende sich entspannen kann und die kälteempfindlichen Hormone Oxytocin, Prolactin und Adrenalin frei fließen. Im Körper der Mutter werden während der Wehen weiter Endorphine ausgeschüttet, sodass die Mutter keine künstlichen Schmerzmittel benötigt. (Der Geburtsschmerz, den manche Gebärende trotz der morphinähnlichen Hormone dennoch mehr oder weniger stark empfinden können, ist notwendig, um immer wieder die Produktion von körpereigenem Oxytocin anzuregen. Das Ungeborene schüttet während seines Geburtsprozesses eigene Endorphine aus, dazu Adrenalin und Noradrenalin.)  Ein synthetisches oder künstlich hergestelltes Oxytocin kann die Blut-/Hirnschranke nicht überwinden und hat somit keinen Kontakt zur Hypophyse, die mit dem Blutkreislauf verbunden ist. Die Wehen, die durch synthetisches Oxytocin hervorgerufen werden, kommen nicht in rhythmischen Wellen, sondern überfordern in ihrer heftigen Dynamik die Gebärende und ihr Ungeborenes, sodass der natürliche Rhythmus gestört wird.

 

Nach 9 Stunden Wehen-Arbeit kommt die letzte Phase des Geburtsgeschehens:

 

Die Gebärende ruft: „Ich kann nicht mehr“ und ganz von selbst mobilisiert nun ein Adrenalinschub all ihre Kräfte. Das Schreien der Mutter während der Presswehen entlastet ihren Gebärbereich von eventuellen Verspannungen und so kann sich das Baby ganz von selbst ungehindert hinausschieben. Das Hinausschieben ermöglicht eine langsame Anpassung an die Welt draußen. Beim Weg durch den Geburtskanal nimmt das Baby außerdem wichtige Bakterien auf.  Die kindliche Lunge wird kurz vor dem endgültigen Durchtritt des Geburtskanals zusammengepresst und weitgehend vom Fruchtwasser entleert – erst dadurch wird der erste Atemzug außerhalb des Mutterleibs angeregt.

 

Auch noch nach der Geburt stehen Mutter und Kind unter dem Einfluss von Adrenalin und Noradrenalin. Deshalb sind die beiden nach der Geburt hellwach. Das Baby schaut seine Mutter mit großen Augen an und es entsteht ein intensiver Blickkontakt zwischen ihnen. Mutter und Baby befinden sich in einem Gefühl von Ekstase und Euphorie. Es vereint sie ein unglaubliches Erfolgserlebnis. Sie haben es geschafft.

 

Nun warten wir noch geduldig auf den Begleiter des Babys, die Nachgeburt. Die Hebamme signalisiert dem Arzt, dass er den Prozess nicht stören soll. Er wird erst gerufen, sobald die Nachgeburt durch weitere Wehentätigkeiten (Kontraktionen) geboren ist. In dieser Zeit vertieft sich die Bindung zwischen Mutter und Kind kontinuierlich. Es wurde kein synthetisches Oxytocin gespritzt, um den Austritt der Nachgeburt zu beschleunigen, denn es hätte die Bindung zwischen Mutter und Kind stören können.

 

Das Baby liegt jetzt auf dem Bauch der Mutter und krabbelt nach oben zur Mutterbrust. Oben angekommen, saugt es an einer Brustwarze und erhält die wichtige Vormilch (Kolostrum). Die Mutterbrust erwärmt sich und gleichzeitig erlebt das Neugeborene einen Durchwärmungsimpuls bis in die Finger- und Zehenspitzen.

 

Die junge Mutter und ihr Baby, Freundin, Mutter und Schwester fahren vier Stunden nach der Geburt zusammen nach Hause und kümmern sich um eine gute Versorgung. Die die Hebamme kommt jeden Tag zur Nachbetreuung.  Der Hirnforscher Gerald Hüther sagte einmal: Zur Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf.